Freitag, 1. März 2013

Ich muss erzählen


Wir schreiben den Juni 1941, als deutsche Soldaten Litauen besetzen und auch hier gegen die jüdischen Einwohner vorgehen. Mascha Rolnikaite und ihre drei Geschwister leben zusammen mit ihren Eltern in einer Wohnung in der Stadt Wilna. Die Familie und tausende weitere jüdische Familien litten zunächst unter den Angriffen der deutschen Wehrmacht. Wohnungen wurden durchsucht, das Eigentum wurde ihnen entrissen und die Wohnungen zum Teil verwüstet. Eines Sonntagmorgens verlässt der Vater die Wohnung, um Fahrkarten zu besorgen, damit die Familie flüchten kann. Von diesem Einkauf kommt er allerdings nicht wieder. Kurze Zeit darauf stürmen Soldaten die jüdischen Wohnungen, um alle Einwohner zu exekutieren. Die Familie kommt in das erste Ghetto, das große, im zweiten Ghetto wurden vor allem Alte und Kranke untergebracht. Zusammen mit acht weiteren Familien lebte Mascha mit ihrer Mutter Taiba, ihrer älteren Schwester Mira und den beiden jüngeren Geschwistern Rajele und Ruwele auf engstem Raum. Mascha hat Glück, ihre Mutter und ihre Schwester bekommen Facharbeiterausweise, kleine gelbe Scheine, sie dürfen in der Kailis-Fabrik arbeiten. Dies bedeutet Leben! Schon längst haben die Ghettobewohner gehört, was mit Familienangehörigen, Bekannten, Freunden, Nachbarn geschieht, die arbeitsunfähig sind oder versucht haben, zu fliehen.


Der österreichische SS-Standartenführer Franz Murer, der im Ghetto und auch unter Überlebenden unter der „Schlächter von Wilna“ bekannt war, war gemeinsam mit Bruno Kittel für die „jüdischen Angelegenheiten“ im Wilnaer Ghetto zuständig. Sie kommen in Arbeitslager, doch was dies genau bedeutet, weiß man nicht. Man will es auch nicht ganz genau wissen. Mascha erzählt, dass es um die Deutschen immer schlimmer wird. Menschen werden erschossen, in Zeitungen werden Warnungen vor Juden abgedruckt und auch Warnungen, dass jene, die Juden bei sich verstecken, erschossen oder erhängt werden. Immer wieder gibt es sogenannte Aktionen, bei denen Soldaten das Ghetto stürmen und Menschen, die keinen gelben Schein haben, abtransportieren. Es geht nach Ponar, einem Stadtteil von Wilna. In einem Waldstück wurden riesige Gruben ausgehoben, die als Massengräber für mehr als 70.000 Juden, etwa 20.000 Polen und tausenden Russen, Roma, Sinti und Kommunisten dienen sollten.

Doch die Familie verbleibt nicht im Ghetto. Mascha wird von ihrer Mutter und ihren beiden Geschwistern getrennt. Ihre große Schwester ist schon seit einiger Zeit verschwunden und vom Vater fehlt bereits seit Jahren jede Spur. Mascha kommt zunächst in die Außenstelle des KZ Riga-Kaiserwald und danach in das KZ Stutthof. Sie wird zum Arbeitsdienst in einer Fabrik eingeteilt und wird am 9. Mai 1945 evakuiert. Kurz darauf findet sie ihren Vater wieder und auch ihre Schwester hat überlebt. Ihre Mutter und ihre beiden jüngeren Geschwister wurden allerdings im Konzentrationslager ermordet.




Nicht nur die erschreckende Geschichte rüttelte an meinen Nerven. Nein, noch schlimmer war der Gedanke, dass dies tatsächlich passiert ist. Die 14 jährige Mascha begann im Wilnaer Ghetto mit einem Tagebuch, doch da die Aufzeichnung der Geschehnisse zu gefährlich war, begann sie ihre Einträge auswendig zu lernen. Nach Kriegsende schrieb sie alles nieder und veröffentlichte ihr Buch.

Es ist erschütternd. Ich recherchiere schon seit einiger Zeit über das Thema "Kinder im Nationalsozialismus" und immer wieder liest man von einzelnen Schicksalsschlägen. Doch dies ist das erste Buch, das ich zu diesem Thema gelesen habe, das auf einer wahren Begebenheit beruht. Das Buch hat mich gefesselt, das Leben des jungen Mädchens mich fasziniert. Die Art, wie sie das Leben gemeistert hat bzw. wie sie versucht hat, zu überleben, ist unfassbar. Man kann Bücher lesen und sie danach weglegen, ohne noch einmal darüber nachzudenken. Nach diesem Buch war ich atemlos und wusste nicht, wie mir geschah. Ich bin es gewohnt, aufgrund meiner Psychothriller Sammlung, mit harten und wilden Geschichten konfrontiert zu werden. Doch trotz all der Spannung und den wirklich pädophilen Ideen mancher Autoren, war „Ich muss erzählen“ ein Buch, das mich sprachlos machte. Es war ein Pol der Gefühle, ich musste weinen, ich musste lachen, ich habe mitgefühlt und ich hab es fast geschafft, mich in die Person hinein zu fühlen. Doch aufgrund des Hintergrundes gelang mir dieser letzte Schritt noch nicht ganz. Worüber ich jedoch auch froh bin. Denn das Leid, das diese Menschen ertragen mussten, möchte ich nicht im Traum erleben, ich wünsche es weder meinem schlimmsten Feind, noch einem Schwerverbrecher. In meinen Augen hat jeder Mensch ein Recht zu leben, auch jener Mensch, der der Meinung ist, ein bestimmtes Menschenleben sei nichts wert.


Ich weiß nicht, wie man als Kind ein solches Erlebnis bzw. solche Erlebnisse verarbeiten kann. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, in so einer Situation noch weiterhin Hoffnung zu haben. Ich bewundere diese Frau, für ihren Mut und ihren Kampfgeist. Viele Menschen hätten aufgegeben, viele Menschen haben aufgegeben, sich vor der Deportation oder im KZ das Leben genommen. Viele, die es nicht taten, wurden ermordet. Obwohl sie hofften und liebten. Mascha hat überlebt. Und ich bin überaus froh, dieses Buch gelesen zu haben. Denn es ist nicht nur eine Geschichte über Vergangenes, es ist ein Aufruf um zu kämpfen, egal ob in Zeiten des Krieges oder in Zeiten des Friedens. Sich nicht unterkriegen zu lassen und stark zu sein, zu sich selbst stehen und zu seiner Familie stehen, was immer auch passieren mag. 


Ich muss erzählen
Mascha Rolnikaite
rororo

? von möglichen 5 Punkten: Darf man ein Buch, das nach einer WAHREN Begebenheit und den Zweiten Weltkrieg als Hintergrund hat, mit Punkten bewerten? Oder besser, kann man das? Natürlich kann man zum Beispiel den Schreibstil bewerten, doch wie soll man diesen bewerten, wenn dieser "Schreibstil" die Originalniederschrift eines jungen Mädchens ist, das um sein Leben fürchtet und kämpft, das im Wilnaer Ghetto eingeschlossen wird und im KZ unter schlimmsten Umstände "lebt"? Dieses Buch bekommt von mir keine Punkte. Es bekommt von mir eine Weiterempfehlung, an all jene, die sich nicht nur mit der Thematik des Zweiten Weltkrieges auskennen oder beschäftigen, sondern auch an all jene jungen Mädchen und Burschen, an alle Leserinnen und Leser, denen der Alltag und die Globalisierung immer mehr über den Kopf wächst. Das Buch ist nicht nur ausgezeichnet geschrieben, sondern erzählt das Leben eines Mädchens, das nicht aufhört um sich und seine Familie zu kämpfen. Das tapfer bleibt, egal was passiert. Und immer wieder aufsteht. Und dies nun der Welt mitteilen wird, welche Höllenqualen sie durchstehen musste und es trotzdem geschafft hat, nicht unterzugehen. 

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