Sonntag, 19. Mai 2013

Blut ist im Schuh

Rucke di gu, rucke di gu, Blut ist im Schuh.
Aschenputtel


Die Frau hatte zwei Töchter ins Haus gebracht, die schön und weiß von Angesicht waren, aber garstig und schwarz von Herzen. Gespenstische Stille liegt über dem Friedhof Amelies einzigem Zufluchtsort vor den Bosheiten ihrer Stiefschwester. Sarah hatte sie bestohlen, gedemütigt, verletzt ... Wie weit würde sie noch gehen? Schon spürt Amelie wieder das Stechen im Nacken, wie von eiskalten Augen, die ihr überallhin folgen. Ihr einziger Hoffnungsschimmer ist der Abschlussball mit Ben: Wird er sie wach küssen aus diesem Albtraum?





Anna Schneider hat etwas in die Hand genommen, das schon viele vor ihr versuchten: Ein altes Märchen, dass ich in meiner Kindheit (die nun auch schon einige Jährchen her ist) geliebt habe, wurde in die Moderne versetzt und im Sinne der Modernisierung umgeschrieben. Der Grundgedanke bleibt derselbe: der Prinz, das Aschenputtel, die böse Stiefmutter und die böse Stiefschwester und der Ball, der alles ändern soll.

Amelie, das schöne Mädchen von Nebenan hat es nicht leicht: ihre Mutter ist verstorben, ihr Vater stets auf Geschäftsreise und nun muss sie auch noch wegziehen. Weg von ihrer besten Freundin und in ein Haus zusammen mit der neuen, bösen Freundin ihres Vaters und ihrer Tochter Sarah, die sich in den Kopf gesetzt hat, das neue Leben Amelies noch schlimmer zu machen, als es schon ist. Doch nicht nur das, ein unheimlicher Stalker beschattet die beiden "Schwestern" und hat noch böses mit ihnen vor.

Amelie wird von Beginn an als Schönheit beschrieben, Sarah hingegen, die böse Schwester, als Gothik, immer schlechtgelaunt und nur negatives im Kopf. Trotz allem wird sie von ihrer Mutter angehimmelt und aufs allerhöchste gehimmelt. Wie auch im Vorbild, dem Märchen "Aschenputtel", finden wir hier die passende Rollenverteilung. Auch die Vögelchen, die im Märchen vorkommen und Aschenputtel stets zur Seite stehen, finden im Buch eine kleine Nebenrolle.

Natürlich darf auch der Märchenprinz, in diesem Fall Ben, nicht fehlen: der beliebteste und heißeste Junge der Schule, verliebt sich natürlich ausgerechnet in die verzweifelte Amelie und schenkt ihr ein klein wenig Hoffnung. Doch die Beiden haben die Rechnung ohne Sarah, und vor allem ohne den unheimlichen Stalker, gemacht...

Der Debütroman der deutschen Autorin Anna Schneider, ist ein gelungener Jugendroman, der nicht nur äußerlich ein absoluter Hingucker ist, sondern auch geschichtlich ein tolles Werk ist. Das Buch ist, auch aufgrund seiner Zielgruppe, sehr einfach geschrieben, man liest schnell und flüssig und innerhalb weniger Stunden ist man mitten im Geschehen und auch schon wieder am Ende. Wie es nicht anders sein kann, wenn man eine Märchengeschichte als Vorbild nimmt, hat natürlich auch die Handlung (zum Großteil) denselben Ablauf und ein ähnliches Ende, weshalb das Buch sehr vorhersehend ist. Schon nach wenigen Seiten wusste ich zudem, wer der Stalker ist, was mir etwas den Spaß nahm.

Optisch ist das Buch ein richtiger Augenschmaus: Nicht nur das Cover ist wundervoll gestaltet, auch die einzelnen Seiten und die Ränder des Buches sind liebevoll und bis ins kleinste Detail geschmückt. Auch die Passagen aus dem Aschenputtelmärchen, die immer wieder zu Beginn eines neuen Kapitel auftauchen, sind sehr einladend, und geben einen kurzen Überblick darüber, was im folgenden Kapitel geschieht bzw. an welchem Teil der Geschichte wird denn nun angelangt sind.

Auch wenn ich Jugendbücher in letzter Zeit mehr anstrengend als toll finde, da mir der oft sehr einfache Schreibstil nicht gefällt, fand ich das Buch im Grund sehr gelungen. Zudem finde ich die sehr oberflächliche Art und Weise, wie die Figuren charakterisiert sind und wie die unterschiedlichen Handlungsstränge verliefen, zu klischeehaft, was ich als großen Kritikpunkt sehe. Zudem hätte ich mir doch gewünscht, dass das Ende etwas anders hätte verlaufen können.

Ein weiterer Kritikpunkt sind die vielen psychologischen Themen die im Buch immer wieder angesprochen werden. Auf wenigen Seiten werden unter anderem Mobbing, selbstverletztendes Verhalten, Tod und auch Konsum von Zigaretten und noch vielen weiteren kleinen Details, die meiner Meinung nach viel zu offen gelassen wurden. In einem Jugendroman ist dies meiner Ansicht nach nicht die richtige herangehensweise. 13- oder 14-jährige Mädchen, die dieses Buch lesen, bekommen Szenen zu lesen, in denen sich ein Mädchen aus Frust ritzt. Mädchen, die nach Stresssituationen rauchen, die sich vor der Schule eine "anheizen", ohne irgendwelche Konsequenzen. Dabei wurde aber betont, dass beide Protagonistinnen erst 15 Jahre alt! Rauchen, unter anderem, wird in ihrem Alltag allerdings als absolut selbstverständlich dargestellt. Auch diese Probleme, wie z.B. das Ritzen, werden ohne weitere Kommentare stehengelassen, nicht nur die darstellenden Personen müssen sich selbst damit abfinden, auch den LeserInnen bleiben sämtliche Lösungsvorschläge oder Maßnahmen vorenthalten. Dies finde ich in einem Roman in Ordnung, der nicht als Zielgruppe Jugendliche anspricht, die Großteils selbst in diversen Situationen feststecken und hier eventuell Fluchtmöglichkeiten sehen.



Blut ist im Schuh
Anna Schneider
Planet Girl
256 Seiten

Persönliche Note:  ♪  


2 von 5 möglichen Punkten: Trotz der Aufmachung und der durchaus gelungenen Idee fand ich das Endprodukt des Buches leider nur wenig gelungen. Ich finde es sehr schade, dass man dermaßen viele psychische Probleme mit in die Geschichte einbauen muss, dass man sich im nachhinein denkt, man bräuchte ein Selbsthilfebuch, dass die Geschichte funktioniert, das es in meinen Augen für Jugendliche kein besonders empfehlenswertes Werk ist. Auch wenn Sarah ein Goth ist, ist es mir ein Rätsel, wie man rauchen, ritzen oder auch nächtliches verschwinden aus dem Elternhaus, so selbstverständlich und ohne Konsequenzen darstellen kann. Auch wenn die Jugend heutzutage sehr frühreif ist, so sollte man sich doch Gedanken machen, ob man diese "frühe Reife" auch so gutheißen kann/soll/darf. Schade, dass man die Idee nicht anders umsetzen konnte, so hätte es eine tolle Geschichte werden können. Mit all diesen Kritikpunkten muss ich allerdings meine Wertung sehr herabsetzen und kann nur 2 von möglichen 5 Punkten geben und muss leider auch dazu sagen, dass ich es nicht weiterempfehlen kann. 


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